das ist kalli – eine brandgans und zwei krickenten

wie alles anfing
Angefangen hat alles in einem Sommer mit einem Krickentenküken, zitternd und allein auf einem Reiterhof in Wallnau. Aber Küken sollten nicht allein aufwachsen. Also habe ich über WhatsApp herumgefragt. Ein paar Stunden später fischten die Bademeister am Grünen Brink ein durchnässtes Küken aus den Wellen, ebenfalls eine Krickente. Zwei Tage danach wurde im Inselinneren ein einsames Brandgans-Küken gefunden: Kalli, ein kleiner, flauschiger Ball. Die drei verstanden sich sofort.
Ihre Namen haben sie übrigens von den drei Kindern unserer Nachbarn: Kalli, Mila und Leni. Und so wie Kalli dort die Jüngste ist, war sie es auch bei uns.
Als Küken sahen die beiden Krickenten für mich aus wie ganz normale Entenküken. Dass es Krickenten sind, habe ich erst später richtig gesehen: Sie blieben etwa halb so groß wie Stockenten und bekamen ein ganz feines Gefieder. Alle drei waren übrigens Mädchen – eine Brandgans und zwei Krickenten-Weibchen.
die ersten wochen

Die ersten Wochen lebten Kalli, Mila und Leni bei uns drinnen im Warmen, in einem kleinen Stall mit weichem Heu und Wärmelampe. Ich habe sie viel getragen, auf der Couch, im Arm oder oben im Pulloverkragen. Fressen mussten sie erst lernen: Ich habe das Futter zu Matsche gerührt und mit dem Finger darauf geklickt, bis sie es verstanden. Brandgänse brüten in Erdhöhlen, zum Beispiel in alten Kaninchenbauten. Deshalb bekam Kalli eine eigene Schlafhöhle. Geschlafen haben die drei trotzdem immer zusammen.
raus in den garten

Mit der Zeit ging es nach draußen: erst Ausflüge über unseren Hof, bei denen sie uns hinterherliefen, dann der Außenstall, dann der Garten. Mein Mann und ich sind mit den dreien auch im Garten spazieren gegangen, damit sie Auslauf hatten und Kraft in die Beinchen bekamen. Unterwegs gab es viel zu bewundern: ein Blatt, ein Grashalm, Klee, ein Gänseblümchen. Dann blieben die drei stehen, schauten und pickten herum, und kleine Fliegen, Mücken oder eine Ameise auf dem Stein schnappten sie ganz von selbst. Bis sie merkten, dass es schon weitergeht, und schnell hinterhertapperten, so wie sie es in der Natur hinter ihrer Mutter tun würden. Unsere Hunde Luna und Jule passten auf, dass keine Möwe oder Katze zu nah kam. Im Küken-Pool wurden die drei jeden Tag mutiger, und zwischendurch ruhten sie sich auf einem Stück Holz aus.
ein eingespieltes team

Die drei waren ein eingespieltes Team. Beim Ausruhen drängelte sich Kalli gern in die Mitte und legte ihren Kopf auf die anderen. Bei den ersten Schwimmübungen im flachen Wasser schnabelten zwei ganz gelassen herum, während die dritte wild paddelte, als würde sie untergehen. Gelernt hat sie es natürlich trotzdem. Und wenn Mila und Leni in der Blumenwiese verschwanden, steckte Kalli vorsichtig den Kopf ins hohe Gras, zog ihn wieder raus und quakte so lange, bis die beiden wieder auftauchten.
die ersten flüge

Nach etwa zwei Monaten begannen die Flugübungen. Erst hoben sie beim schnellen Laufen nur einen Hauch ab und schauten selbst ganz überrascht. Dann drehten sie ihre ersten Runden über Garten und Hof, später flogen sie rüber zum Teich und irgendwann noch weiter weg. Anfangs kamen sie mehrmals am Tag zurück.
abschied mit umwegen
Kalli flog als Erste los, stark und zielstrebig. Sie konnte schwimmen, tauchen und fliegen, sie war bereit. Wir wohnen direkt an der Küste, und auf Fehmarn sind immer wieder Brandgänse und Krickenten unterwegs, auf den Feldern, am Ufer und in den Feuchtgebieten bei Wallnau. Anschluss war also nah.
Mila und Leni hatten es weniger eilig. Sie kamen zu festen Zeiten zurück: morgens gegen sieben und abends gegen acht. Abends landeten sie mit einem lauten „Quaaaak – ich bin da!“, damit wir es auch ja hörten. Und manchmal schauten sie durch die Terrassentür und klopften an die Scheibe.
Auch später kamen die beiden noch lange vorbei. Eine Zeit lang dachte ich, es sei immer nur eine von beiden – bis plötzlich beide gleichzeitig im Garten standen. Sie hatten mich ausgetrickst. Wenn sie sich bei uns trafen, erzählten sie sich erst einmal ausführlich, was sie erlebt hatten. Irgendwann wurden die Besuche seltener, und auch die beiden fanden ihren eigenen Weg.
Genau darum geht es, wenn man Wildtiere aufzieht: Am Ende sollen sie frei sein und nicht mehr bei einem wohnen. Über jeden Besuch freue ich mich trotzdem sehr.
die motive
Aus Kallis ersten Schwimmversuchen im Küken-Pool ist unsere erste Tasse entstanden.
gut zu wissen
- Die Krickente ist die kleinste Ente Europas, etwa halb so groß wie eine Stockente. Ihr Flügelspiegel ist grün, der der Stockente blau.
- Brandgänse brüten in verlassenen Kaninchen- und Fuchsbauten.
- Krickenten-Weibchen haben einen orange-grauen Schnabel und einen hellen Fleck seitlich unter dem Schwanz. Den grünen Spiegel tragen Weibchen und Männchen.
Quellen: LBV – Enten im Vergleich, NABU – Krickente, NABU – Brandgans
